zwei & vierbeinige Männer
vier- & zweibeinige Männer
Das Leben als Digital Nomad hat viele Vorteile.
Man spart viel Geld für Miete, bekommt regelmäßig neue Menschen & Gegenden zu sehen. Gelegentlich gelingt es sogar Arbeit & Freizeit an wunderschönen Orten friedlich miteinander zu vereinen.
Unsere Freundin Sabine hat sich ihren Traum von diesem Leben in einem umgebauten Krankenwagen ermöglicht. Nahezu unabhängig reist sie nun durch ganz Europa.
Ihre Route verläuft entlang neuer Aufträge & Orten, die sie immer schon mal bereisen wollte.
Um nicht vollkommen egoistisch ihr Glück zu genießen, nahm sie vor einige Jahren einen putzigen, kleinen Hundewelpen aus einem spanischen Tierheim bei sich auf.
Friedel begleitet sie seit diesem Tag überall hin. Als Reisebegleiter ist der Hund perfekt. Freundlich, sympathisch & vor allem ohne ständige Fragen wo es denn heute hingeht, wann man endlich da ist, was es zu essen gibt, liegt er auf dem Beifahrersitz & schaut aus dem Fenster.
Nur zwei Dinge können Friedel aus seiner Entspannung reißen.
Heiße Hündinnen & die Aussicht auf Beute.
Dem putzigen, kleinen Tierchen vor Jahren in Spanien konnte man nicht ansehen, dass seine Eltern offensichtlich beides Jagdhunde waren, die ihre Fähigkeiten erfolgreich in ihrem Nachwuchs potenziert hatten.
Sabine hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, dass Friedel zwischendurch abwesend war, den Weg zum Wohnmobil aber immer wieder fand.
Ihre aktuelle Reiseroute führte sie in das deutsch-niederländische Grenzgebiet, dort, auf dem Weg nach Amsterdam wollte sie noch ein paar Tage Urlaub machen, ein paar alte Freunde treffen.
Ihre Freunde hatten gerade eine Jungs-Kanu-Tour hinter sich gebracht, auf dem Heimweg kamen sie fast bei Sabine vorbei. Kurzerhand nahmen sich die drei ein Hotelzimmer im nahegelegenen Dorf.
Unsere Freundin freute sich sehr auf den Besuch, für Lagerfeuer & entspanntes in die Sterne gucken, hatte sie sich einen abgelegenen Rastplatz ausgesucht.
Gemeinsam wurde gekocht, gegessen & getrunken.
Mitten in der Nacht, unsere Freundin wollte ein weitere Flasche Wein aus dem Wagen holen, die Erkenntnis: Friedel war mal wieder ausgebüxt.
Nicht schlimm, dachte sie, außer uns ist hier ja niemand, spätestens Morgen früh ist er wieder da.
Ihre Besucher waren anderer Meinung, sie fürchteten um das Wohlergehen des Tieres. Auf dem Weg durch das nahegelegenen Dorf hatten sie jede Menge schwer bewaffnete Männer gesehen, die in großen Gruppen Richtung Wald gingen.
Um das Lagerfeuer sitzend, berichteten sie ihr vom deutschen Jagdschutzgesetz, nachdem jeder unangeleinte Hund im Wald sofort zum Abschuss freigegeben sei.
Diese Erzählung schmückten sie mit Geschichten von erschossenen Hunden aus, die nur kurz, quasi mit nur einer Pfote, den Waldweg verlassen hatten & sofort einem eifrigen Jäger zum Opfer gefallen waren.
Wenig später packten sie ihre Sachen & gingen zurück ins Hotel.
Unsere Freundin, alleine im Wohnmobil liegend bekam kein Auge mehr zu.
In ihrem Kopfkino liefen hintereinander mehrere Kurzfilme über blutrünstige, grüngekleidete Männer, an deren Wohnzimmerwänden reihenweise freundliche blickende Hundeköpfe hingen.
Alle sahen ein wenig wie Friedel aus.
Ein paar dieser Filmchen genügten, um unsere Freundin aus dem Bett zu treiben.
In Eile zog sie sich nur schnell ihr Kleid über, schlüpfte in ihre Birkenstock & zog los.
Leise rufend ging sich über die Wiese, vom Friedel keine Spur.
Der Weg in den Wald war stockdunkel, doch mit ihrem Handy beleuchtete unsere Freundin ihren Weg.
Dem Namen nach eine Taschenlampe, kann bei der App nicht im Ansatz von einer solchen gesprochen werden. Das Licht ist schwach & reicht keine 2 Meter weit. Gleichzeitig den Boden & die Umgebung erhellen ist unmöglich.
Dieser Umstand, in Kombination mit der Tatsache, dass Sabine sich mit ihren Freunden die ein oder andere Flasche Wein, sowie ein, zwei Joints geteilt hatte, führte unweigerlich in die Katastrophe.
Unsere Freundin übersah einen Ast, blieb mit ihren Sandalen daran hängen & stürzte vorneüber ein kleine Böschung hinab. Dabei verletzte sie sich das Knie an einem scharfkantigen Stein, vermutlich wäre noch schlimmeres passiert, hätte nicht ein hilfreicher, allerdings stachelbewehrter Brombeerstrauch ihren Fall abgebremst.
Nachdem sich in der Dunkelheit vorsichtig aus dem Strauch gekämpft hatte, stellte sie fest, dass Handy & Knie komplett zerschlagen waren, eine Sandale fehlte & am ganzen Körper spürte sie die tiefen Kratzer der Brombeere.
Mit Mühe gelang es ihr, sich wieder auf den Weg, anschließend durch Dunkelheit zurück zum Wohnmobil zu kämpfen.
Dort wartete bereits Friedel.
Freudig erregt begrüßte er sie überschwänglich.
Offensichtlich hatte er keine Ahnung, warum sein Frauchen mitten in der Nacht derartig unsinnige Aktivitäten unternahm.
Unsere Freundin hatte Schmerzen, ihr war kalt, sie war müde, kurz sie hatte die Schnauzen einfach gestrichen voll.
Das einzige was sie jetzt wollte, war ein anständiger heißer Kaffee.
Sie holte ihre Gummistiefel, kletterte umständlich in die Fahrerkabine & fuhr ins nahegelegene Dorf.
Dort angekommen, quälte sie sich mühsam die vier Stufen in die Bäckerei.
Die Verkäuferin staunte nicht schlecht.
Mitten in der ordentlichen Backstube stand plötzlich eine blonde Frau mit zerzausten Haaren, in einem völlig zerfetzten Kleid. Der Körper war von blutigen Kratzern überseht, vom Knie lieft Blut in einen Gummistiefel & das einzige wonach die Frau verlangte war: Kaffee groß, heiß!
Am Stehtisch in der Ecke beobachteten vier grüngekleidete Männer, mit offensichtlich guter Laune das Gesamtgeschehen.
Die charmante Frage, ob sie irgendwie schlecht geschlafen hätte, beantwortete unsere Freundin mit einem knappen Abriss der letzten Nacht.
Alle vier verfielen direkt in lautes Lachen, einer legte ihr die Hand auf die Schulter & sagte,
„Maach der kein Sorje, gester wor keiner jage, all adich knöll op däm Schützenfest“
Übersetzt aus dem Dialekt der Einheimischen bedeutet der Satz:
Mach die keine Sorgen, gestern war keiner jagen, alle artig betrunken auf dem Schützenfest
Unsere Freundin lächelte freundlich, bezahlte & verließ die Bäckerei.
Vor der Tür verfluchte sie sämtliche Männer, zwei- als auch vierbeinige & humpelte zurück zu Wohnmobil.
Weihnachten
Jedes Jahr steht für viele Menschen plötzlich & unerwartet das Weihnachtsfest vor der Tür.
Obwohl der Lebensmitteleinzelhandel direkt nach dem Ende der Sommerferien die ersten Spekulatius in die Regale geräumt hat, um uns Menschenkinder sanft auf das bevorstehende Fest hinzuweisen, müssen einige immernoch am 24. Dezember kurzentschlossen & leicht panisch in die Stadt fahren, um Geschenke zu erwerben.
Andere sitzen zu Hause starren gebannt auf ihr Handy & kontrollieren minütlich die Positionsdaten des Paketboten. Gemäß der christilichen Traditionen beten sie dabei inbrünstig zum Herren, die Sendung möge noch vor 17:00 zugestellt werden.
Diejenigen, die bereits im Juli alle Weihnachtesgeschenke besorgt, verpackt & versteckt haben, sitzen zu Hause auf dem Sofa, trinken einen starken Punsch & lächeln zufrieden vor sich hin.
Egal, ob von langer Hand geplant oder Last-Minute organisiert, traditionell findet vor dem Austausch der Waren in der Regel das Weihnachtsessen im Kreise der Familie statt.
Der Mann, dessen Geburt gefeiert wird, begründete einige Jahren später, genauer gesagt, am letzten Tag seines Lebens die Tradition des Abendmahls, indem er all seine Freunde & Kollegen zu einem Geschäftsessen beim Italiener einlud.
Obwohl die Menschheit sich spätestens seit der Steinzeit um das Feuer versammelte, um gemeinsam zu speisen, konnten ein Problem bisher nicht abschließend geklärt werden.
Alle Versuche klare Regeln für die elemntarste Frage an jedem Tisch zu schaffen, wie Ettiquette oder der Knigge, machten die Angelegenheit nur noch komplizierter.
Die Frage, wer sitzt nebem wem, sorgt daher immernoch für schlaflose Nächte auf seiten der Gastgeber.
Früher, als die Verwerfungslinien der Sitzordnung noch entlang politscher Ansichten, religöser Überzeugungen oder der Faszination für bestimmte Sportvereie verlief, war die Platzierung der Gäste deutlich einfacher.
Heutzutage identifizieren sich die meisten Menschen nicht merh an derartig archaischen Merkmalen. Über Poltik, Religion & Sport kann man unter Umständen auch einfach gar nicht sprechen.
Den Ernährungsgewohnheiten des direkten Tischnachbarn allerdings kann man nicht entkommen.
Einem Dominospiel nicht unähnlich, müssen die unterschiedlichen Ernährungskonzepte passend aneinander gereit werden, um einen möglichst reibungslosen & konfliktfreieb Ablauf der Veranstaltung zu garantieren.
Da wären zunächst die Veganer, die Vegatarier & die Flexitarierer.
Die erstgenannten verzichten bekannterweise komplett auf Lebensmitteln in denen sich Tiere befinden, die aus Tieren gemacht werden oder an deren Herstellung Tiere beteiligt waren.
Die Vegatarier sehen das grundsätzlich ähnlich, sind aber durchaus bereit etwas zu essen, bei dessen Produktion ein Tier mitgemacht hat, ohne dabei zu Schaden gekommen zu sein.
Flexitarier bedienen sich gerne bei beiden & legen sich zustäzlich noch ein Stück Lammkeule vom Grill dazu.
Diese unterschiedlichen Ernährungsgrundlagen sind duchaus kompatibel, die Gesinnung dahinter gestaltet die Angelegenheit kompliziert.
Einen Veganer mit seinem Blumenkohl-Kartoffel-Curry & dem Stück Spinatlasagne kann man ohne Probleme direkt neben einen Flexitarier mit seiner gegrillten Kalbsleber an Hackfleischbällchen mit Zitrone-Ei-Sauce setzen, sofern es sich bei Beiden um Esser mit freiheitlich-demografischer Ausprägung handelt.
In diesem Fall werfen Beide einen wegselsteitigen Blick auf den Teller des anderen & denken sich etwas, das nach „Egal, wenn du meinst“ anfühlt. Danach ist das Thema buchstäblich gegessen.
Esser mit missionarischer Ausprägung sind schwerer unterzubringen. Ihnen reicht es meistens nicht aus, Alleinherrscher auf ihrem eigenen Porzellantellerterritorium zu sein, auch alle umliegenden Teller & Schüsseln sollten nach ihrem Gusto gestaltet sein.
Ist dies nicht der Fall, wird der Besitzer direkt & ohne vorausgehende Konversation auf diesen eklatanten Mißstand hingewiesen.
Ein freiheitlich-demoktratischer Tischnachbar wird genügend Gelassenheit aufbringen, um sich von derartigen Äußerungen weder den Appetik, noch die Laune verderben zu lassen.
Treffen jedoch zwei missionarische Banquetteilnehmer mit unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten aufeinander, ist es mit der Ruhe vorbei. Auch für alle anderen Gäste der Veranstaltungen.
Innerhalb kürzester Zeit verlagert sich ein sachlicher Diskurs in eine unsachliche Konversation.
Die eine Seite klagt das Tierwohl ein & verzichtet dabei nicht auf blumige Erzählungen, Umstände in Tiertransporten & Schlachthöfen betreffend.
Auf der anderen Seite verbietet man sich deratige Einmischungen in private Freiheiten, verweißt auf das Recht auf freie Ernährungsausübung & beklagt grundsätzlich genau diese Art von Gesinnungspolizei.
Mein Freund…….. wurde bei einer dieser Diskussionen, während des Verspeisens eines Rohkostsalates mit Olivenölsauce als links-grün-versifft bezeichnet, obwohl er sich noch nicht mit seinem Essen das weiße Hemd bekleckert hatte, geschweige denn am eigentlichen Gespräch teilnahm.
Kein Wunder also, dass auch meine Freundin bereits seit Anfang Novembner scheißgebadet aufwacht & fieberhaft überlegt, wer an welchem Platz, neben wem & gegenüber von sitzen sollte.
Ich betrachte die Angelegenheit etwas entspannter, immerhin finden sich keine Frutarier, Paläotarierer und SuperCarnivoren in unserem Bekanntenkreis.
Zudem sind aus meiner Sicht, die Getränke bei Veranstaltungen dieser Art deutlich wichtiger, als die Speisen.
Bereits der korrekte dosierte Begrüßungsdrink kann für einen lockeren Einstieg in den Abend sorgen.
Ganz nebenbei klärt diie Auswahl des Apperitifs direkt, wer weiter trinkt & wer später fährt.
Für den weiteren Verlauf des Abends gilt aus meiner Sicht: Man darf sich beim Essen ruhig scheiße finden, spätestens nach dem dritten Glas Rotwein kann sich daran eh keiner mehr erinnern.